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Muss ich jetzt Chinesisch lernen?I have to Learn Chinese?我不得不学中文? 

Muss ich jetzt Chinesisch lernen?

From zeit.de

Erst lieferte China Billigprodukte vom Fließband. Jetzt holt das bevölkerungsreichste Land der Welt bei der Bildung auf. Was diese Herausforderung für deutsche Studenten bedeutet

Chinesisch lernen

Hochschulabsolventen in China. Über 20 Millionen studieren derzeit an chinesischen Unis

Die Prinzessin Li Si und der kleine Ping Pong waren für viele deutsche Studenten die ersten Chinesen ihres Lebens. Im Kinderbuch Jim Knopf von Michael Ende begegneten die Leser einer von China inspirierten Märchenwelt, exotisch und bezaubernd und vor allem – sehr, sehr fern. Doch seit den Kindertagen ist China immer näher gerückt. In der ersten Runde seines Aufstiegs in die Erste Liga der Weltwirtschaft war es die Werkbank des Westens, und das konnte deutschen Schülern nur recht sein. Sie profitierten von billiger Unterhaltungselektronik und günstigen Klamotten. Jobs wanderten aus Deutschland ab, aber es waren die Jobs von Fabrikarbeitern. Mit dem Leben vieler Gymnasiasten hatte das nichts zu tun.

Nun aber, da die Gymnasiasten von einst die Studenten von heute sind, geht China in die zweite Runde. Und diesmal setzt das Riesenreich auf Bildung. Noch vor gut zehn Jahren studierten an Chinas Hochschulen drei Millionen Chinesen. Mittlerweile sind es weit über 20 Millionen. In einer Zeit globaler Märkte und internationaler Konzerne drängt sich die Frage auf: Werden es deutsche Studenten bald mit einer akademischen Billigkonkurrenz zu tun bekommen?

Wird der deutsche Ingenieur also, wie einst der Textilarbeiter, seinen Arbeitsplatz nach Asien verschwinden sehen? Wird der deutsche Betriebswirt seine Kündigung erhalten, weil sein Unternehmen mit Innovationen nicht mehr schneller ist als die chinesische Konkurrenz? Werden Absolventen es schwerer haben, eine Stelle zu finden, werden sie weniger verdienen? Der chinesische Student erscheint in diesem Szenario als Paukmaschine, ehrgeizig und anpassungsbereit und irgendwie bedrohlich. Müssen deutsche Studenten die Konkurrenz ihrer chinesischen Kommilitonen fürchten?

Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach, so wie eigentlich nichts einfach ist, wenn es um China geht. Aber vielleicht kann die Suche nach einer Antwort mit einer Deutschen beginnen, mit Birte Winkel.

CHINESISCHE STUDENTEN
Wie leben und lernen chinesische Studenten? Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Fotostrecke zu starten

Wie leben und lernen chinesische Studenten? Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Fotostrecke zu starten

Als Birte, 23, das erste Mal nach China kam, war sie 17. Andere absolvieren in der elften Klasse ein Highschool-Jahr in den USA, Birte aber ging nach Tongling, in der Provinz Anhui. Die Stadt hat 600.000 Einwohner und ist nach chinesischen Maßstäben ein Nest. Birte lebte in einer Gastfamilie und besuchte die reguläre Oberschule, dabei sprach sie kaum ein Wort Chinesisch, als sie ankam. »Der Unterricht ging um acht los, aber um sieben waren schon alle da. Eine Stunde Selbststudium, freiwillig!«, erzählt sie. Dass in chinesischen Schulen mehr gepaukt wird als in deutschen, hatte sie vorher gewusst, aber wie sehr die Schüler sich dort »totlernen« müssen, überraschte sie doch. Birtes Gastschwester durfte sich, wenn alles gut war, einmal pro Halbjahr einen Nachmittag lang mit einer Freundin treffen. Den Rest der Zeit verbrachte sie mit Lernen. Manchmal drückte ihr die Mutter abends die Zahnpasta auf die Zahnbürste, damit sie keine kostbare Lernzeit verschwenden musste.

Auf den Listen in ihrer Klasse konnte sie jederzeit ablesen, wo sie im Vergleich mit den anderen stand. Jeder wusste, wer der beste Schüler der Klasse war, welche die beste Klasse der Schule, welche die beste Schule im Bezirk. Mehr als 18 Stunden lernen Pekinger Schüler am Tag, stellte jüngst eine Studie fest. »Die Vorstellung der Eltern, dass ihr Kind unbedingt auf die Universität gehen muss, beeinflusst schon den Alltag im Kindergarten«, sagt die Sinologin Barbara Schulte, die an der schwedischen Universität Lund zum chinesischen Bildungssystem forscht. »Die Kinder bekommen früh vermittelt, dass sie besser sein müssen als die anderen.

Der Leistungsdruck, die Konkurrenz – deutschen Studenten mag das wie eine Karikatur der hiesigen Verhältnisse erscheinen; für Chinesen ist es normal. »Wir alle wissen, dass wir dringend etwas aus uns machen müssen«, sagt etwa Wen Chuan Jiang. Er ist 21 und studiert Wirtschaft in Peking, ein zappeliger Sportler mit breiten Schultern, der sein Leben in der Bibliothek und auf dem Basketballplatz verbringt. »Wir sind in meiner Generation fast alle Einzelkinder, und unsere Familien erwarten viel von uns«, sagt er. Die Ein-Kind-Politik Chinas hat dazu geführt, dass die Hoffnung ganzer Familien auf zwei Schultern lastet. Hinter jedem Kind stehen, mit den Großeltern, sechs Erwachsene, die Druck machen und ihm im Gegenzug alles abnehmen, was nicht unmittelbar mit Lernen zu tun hat. Der soziale Aufstieg hängt am Job, und vor dem Job steht die Universität, und vor der Universität steht die Aufnahmeprüfung, die Chinesen nach dem Ende ihrer zwölfjährigen Schulzeit absolvieren können: die gefürchtete gao-kao.

Nach Abitur und Studienbeginn in Deutschland kam Birte im vergangenen Jahr nach China zurück. In Shanghai studiert sie Architektur, an der Tongji, einer der angesehensten Universitäten des Landes. Für die Deutsche war es recht leicht, dorthin zu kommen, sie schickte eine Bewerbung an das China Scholarship Council, das ihr ein Stipendium bewilligte. Für chinesische Studenten ist der Weg an eine Spitzen-Uni dagegen beschwerlich. Gut sechs Millionen Studienplätze stellt das Land in diesem Jahr für Erstsemester zur Verfügung. Das klingt nach extrem viel, aber allein in diesem Jahr haben sich mehr als zehn Millionen Schüler für die gao-kao angemeldet. Vierzig Prozent der Teilnehmer werden es an keine Universität schaffen, die meisten der anderen landen nicht auf den begehrten Top-Unis, sondern an wenig angesehenen Hochschulen irgendwo im Land.

 

»Die Studenten wissen, dass die Ausbildung außerhalb der Spitzen-Unis nicht gut genug ist«, sagt Chen Hongjie, Professor an der Graduate School of Education der Peking University. Deswegen wählen chinesische Studenten ihr Studium auch nicht nach dem Fach aus, sondern nach der besten Uni, an der sie noch einen Platz bekommen können. »Der Name der Universität ist das Wichtigste.« Er zählt später bei der Jobsuche deutlich mehr als die Abschlussnote. Und wenn ein Student etwa an der Peking University Maschinenbau statt Literatur studieren muss – dann ist das eben so.

»Das Schlimmste ist für uns mit der Aufnahmeprüfung vorbei«, sagt Wen Chuan Jiang, der Pekinger Wirtschaftsstudent. Bis dahin aber müssen chinesische Schüler pauken bis zum Umfallen. »Bei den Mathe-Grundlagen stecken die chinesischen Schüler die deutschen dreimal in die Tasche«, sagt Stefanie Eschenlohr vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Peking.

Das Studium in China ist, verglichen mit der Tortur davor, eher leicht, und es ist praktisch unmöglich, durchzufallen. »100 Studenten gehen rein, 100 Studenten kommen wieder raus aus der Universität«, sagt Professor Chen.

Dafür ist die Konkurrenz unter den Absolventen hart: Auch wenn Chinas Wirtschaft wächst wie kaum eine andere in der Welt, wird ein guter Teil der Absolventen aus dem Sommer 2009 zunächst einmal keine Stelle finden. Von den Absolventen des vergangenen Sommers waren zum Jahreswechsel noch mehr als anderthalb Millionen arbeitslos, und selbst jene, die eine Stelle haben, haben oft nicht den Job gefunden, den sie wollen.

Denn China hat zwar in den letzten Jahren viele Studienplätze geschaffen, aber die Absolventen bringen oft nicht das mit, was die Unternehmen suchen. Einige Spitzen-Unis wie die Pekinger Tsinghua-Universität, die Peking University und die Jiao-Tong-Universität in Shanghai spielen in der Welt ganz vorn mit. Aber das das Gros der Hochschulen liegt weit darunter.

»Es gibt in China eine Reihe von Hochschulen mit einem Niveau, wie es in Deutschland üblich ist. Aber ihre Zahl liegt weit unter der Gesamtzahl deutscher Hochschulen«, sagt Markus Taube, Professor für Ostasienwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. Der Grund dafür ist auch in einem tiefen Einschnitt in der Geschichte des Landes zu suchen: In der Zeit der Kulturrevolution lag das akademische Leben jahrelang brach, die Auswirkungen spürt man an den Universitäten bis heute.

Das Problem bei der Bildungsexpansion ist das gleiche, das China auch bei seinem Wirtschaftswachstum hat: Es geht rasend schnell, aber was da wächst, ist manchmal so wackelig wie die Hochhäuser, die in den Großstädten emporschießen und die beim Einzug der ersten Mieter schon Risse haben.

»Der Westen hat immer Angst vor der Masse unserer Studenten, aber wir haben noch ein Qualitätsproblem in unserer Ausbildung«, sagt Professor Chen. »Der Unterschied zwischen den sehr Guten und der breiten Masse wird immer größer.«

Dass eine Lernkultur, in der Fleiß und Disziplin an erster Stelle stehen, keineswegs nur ein Vorteil für die Chinesen ist, hat Jörn Huenteler, 24, bei seinem Aufenthalt in China erlebt. Der Maschinenbaustudent aus Aachen sitzt im großen Lesesaal der Tsinghua-Universität in Peking. Sein roter Schopf leuchtet zwischen Hunderten Köpfen mit schwarzen Haaren hervor. Die Studenten schreiben an ihren Hausarbeiten, schieben Grafiken für Präsentationen hin und her oder lernen für Klausuren; nur ganz hinten links, in der Ecke, spielt ein Pärchen ein Computerspiel, in dem fleischfressende Pflanzen bunte Bälle über einen Swimmingpool schießen. Manchmal kichern sie leise in die gedämpfte Stille hinein.

Für Jörn Huenteler sind die letzten Wochen seiner Zeit in Peking angebrochen. Ein Jahr lang studierte er an der Tsinghua, einer jener Hochschulen, die bereits jetzt ganz vorn sind in China. Seine Heimat-Uni Aachen ist eine der besten in Deutschland, wenn es um Ingenieurwissenschaften geht. Er kann also vergleichen. Seine Bilanz: »Der Stoff war genauso schwer, aber die Prüfungen waren ein bisschen leichter. Es war ein exaktes Abfragen des Gelernten, wenig Nachdenken erforderlich.« Nach der ersten gemeinsamen Klausur schickte ihm eine chinesische Kommilitonin eine SMS: »Now I know why Germany is the number one engineering country in the world.« Huenteler und seine deutschen Kommilitonen hatten ihre Klausuren weit vor Ende abgegeben, während die Chinesen die Zeit bis zum Schluss ausreizten. Diese Geschichte erzählen auch die anderen deutschen Ingenieurstudenten gern, sie klingt so schön beruhigend. Nach einem Jahr in China ist Jörn Huenteler aber tatsächlich ein bisschen beruhigt: »Ich weiß, dass mein Studium in Deutschland immer noch extrem viel wert ist«, sagt er.

Doch der Ehrgeiz der Chinesen ist groß. Die Regierung will dahin, wo auch die deutsche Wirtschaft ihre Stärken sieht: hin zu Innovation, Patenten und Schlüsseltechnologien. Mit Spezialprogrammen sollen gut hundert Hochschulen international konkurrenzfähig gemacht werden. Vor drei Jahren wurde zudem ein Programm mit dem Ziel gestartet, eigene wissenschaftliche und technische Innovationen voranzubringen. China, in vorindustriellen Zeiten die größte Volkswirtschaft der Welt, will sich nicht mehr abspeisen lassen mit der Rolle des Billigproduzenten. »Das Land ist im zweiten Stadium des Aufstiegs in die Weltwirtschaft angelangt, es tritt selbstbewusst auf und will in der Liga der globalen Konzerne mitspielen«, sagt der China-Experte Markus Taube. In ihrer Heimat erobern chinesische Firmen Marktanteile von internationalen Markenherstellern zurück; gleichzeitig investieren sie massiv im Ausland. Auch deutsche Kunden kennen mittlerweile Marken wie Lenovo (Computer) oder Haier (unter anderem Kühlschränke). Und 2003 kreiste der Taikonaut Yang Liwei als erster Chinese im Weltraum.

Zunehmend verlagern westliche Firmen auch Forschungs- und Entwicklungsaufgaben nach Fernost. »Dieser Prozess findet schon seit Längerem statt und wird sich in Zukunft fortsetzen«, sagt der China- Experte Ron Haddock von der Unternehmensberatung Booz & Company. China präge bereits »maßgeblich die Entwicklung innovativer Technologien«. Der Hauptgrund für die Forschungsinvestitionen im Fernen Osten sei der Wunsch der Unternehmen, auch mit der Produktentwicklung nah am riesigen chinesischen Markt zu sein. »Außerdem gibt es vor Ort qualifizierte Leute zu günstigen Kosten, die diese Aufgaben übernehmen können.«

Trotzdem entspricht die chinesische Realität oft noch nicht dem Wunschbild vom Hightech-China. So müssen die Chinesen häufig Bauteile für ihre Ware erst importieren, bevor sie das fertige Produkt exportieren; und sie investieren nicht zuletzt deshalb so viel im Ausland, um dort Innovationen zuzukaufen. Auch bei der Verlagerung von Forschungsaufgaben »geht es weniger um wirkliche Spitzenforschung, sondern oft um kosten- und zeitintensive Prozesse, langwierige Testreihen zum Beispiel«, relativiert Markus Taube das Bild. Wer heute in Deutschland studiere, so seine Einschätzung, werde noch nicht viel von der chinesischen akademischen Konkurrenz merken. Doch der »Megatrend« sei eindeutig: »Die Welt wird in zehn, zwanzig Jahren eine andere sein, und China wird dabei eine große Rolle spielen.«

Muss man diese Entwicklung fürchten? »Es ist kein Nullsummenspiel, nach dem Motto: Jeder gut ausgebildete Chinese nimmt einem deutschen Akademiker den Arbeitsplatz weg«, sagt Marcus Conlé von der Asien-Abteilung des German Institute of Global and Area Studies in Hamburg.

Die Entwicklung ist komplex und wird es bleiben: In Deutschland verschwanden durch Chinas Aufstieg Arbeitsplätze, manchen Unternehmen machten Spionage und Marken- piraterie zu schaffen. Insgesamt aber profitierten die deutschen Firmen von den wachsenden chinesischen Märkten. »Ich bin davon überzeugt, dass deutsche Uni-Absolventen von der Integration Chinas in die Weltwirtschaft weiterhin profitieren werden«, sagt Conlé.

Vor allem aber »wird sich ja nicht nur der Westen ändern, sondern auch China selbst – und zwar viel stärker als wir«, argumentiert der Ostasienwirtschaftler Markus Taube. Auch das ist schon zu sehen. Als die chinesische Wirtschaft selbst erfolgreiche schutzbedürftige Marken und Produkte entwickelt hatte, begann die Regierung in Peking auch den Rechteschutz ernster zu nehmen.

Schon jetzt wird das chinesische Pauksystem im eigenen Land infrage gestellt, es mache die Kinder unsozial und unkreativ, bemängeln Kritiker. Eine zu Beginn des Jahrtausends gestartete Schulreform soll das eigenständige Denken fördern. »Das zu erreichen wird nicht leicht«, sagt die Sinologin Barbara Schulte. »Aber wenn die Chinesen individualistischer und innovativer werden und damit vielleicht auch eine Demokratisierung einhergeht, sollten sich die Deutschen darüber freuen.«

China sollte uns nicht das Fürchten lehren. Sondern das Schauen. Das Fragen. Das Staunen. Dafür müsste man China nicht als Bedrohung ansehen, sondern als Herausforderung. Sie anzunehmen kann damit beginnen, sich aufzumachen, dieses Land zu entdecken; damit, die Einstellung aufzugeben, der Westen sei der Mittelpunkt der Welt.

Christoph Huett, 26, hat viel gestaunt im letzten Jahr. »Ich habe jetzt den südlichsten Zipfel und den nördlichsten Zipfel des Landes gesehen, Riesengroßstadt und Dorf – aber ich würde immer noch nicht behaupten, dass ich das Land wirklich verstanden habe. Es ist einfach zu groß«, sagt er. Huett watet in Gummistiefeln durch den tiefen Matsch eines Reisfeldes. Das Land, auf dem er steht, ist platt und grün, Baumreihen säumen die Felder, bis zum Horizont nichts anderes als das: Felder, ein paar Bäume. Es sieht ein bisschen aus wie Niedersachsen. Bis zur russischen Grenze im Norden sind es kaum 20 Kilometer, einige Hundert Kilometer im Süden klemmt Nordkorea diesen nordöstlichsten Zipfel Chinas ein. Der Geografiestudent arbeitet hier in einem Forschungsprojekt der Uni Köln daran, den Ertrag von Reisfeldern per Satellit vorherzusagen. Zuvor war er ein Semester lang an der Sun-Yatsen-Uni in Guangzhou, im Süden des Landes, von hier etwa so weit entfernt wie Lissabon von Minsk. Guangzhou ist eine wuchernde Riesenstadt an der Küste, mehr als neun Millionen Menschen leben dort. Als Huett auf den Reisfeldern ankam, hatte er Ohrensausen vor lauter Stille.

Julian Michel, 23, studiert VWL und Sinologie in Tübingen, aber seit Herbst 2008 ist er in Shanghai an der Uni, um die Sprache zu lernen. »Was ich am spannendsten finde an China«, sagt er, »ist, dass es noch nicht fertig ist. Hier passieren so unglaublich viele Dinge gleichzeitig.« Die Armut im Inneren des Landes – während an der Küste die Metropolen emporglitzern. Die fehlende Freiheit – während die Chinesen sagen, dass sie so viel freier seien als noch vor zehn Jahren. Die Zensur, die keine Diskussion zulässt – während gleichzeitig über alles debattiert wird, außer über die Alleinherrschaft der Partei. Der unfassbare Druck – und der gewaltige Optimismus der heutigen Studenten, die bisher nichts anderes kennen als den ständigen Aufschwung ihres Landes und die davon überzeugt sind, dass sie in Zukunft ihren Anteil daran haben werden.

China als Lernfabrik, die billige Konkurrenten für den akademischen Weltmarkt ausspuckt – wie verengt dieser Blick ist, zeigt sich schnell. China ist so vieles. Ein Land, in dem Studierenkönnen für viele aus den armen Provinzen vor allem bedeutet: nicht mehr Bauer sein müssen; ein Land, in dem 70 Millionen Kinder von Wanderarbeitern leben. Ein Land vor immensen Herausforderungen, mit einer vergreisenden Bevölkerung und Städten, in denen die Hochhäuser im Smog verschwinden. Ein Land auch, in dem in den letzten 30 Jahren über 200 Millionen Menschen der Armut entronnen sind. Ein Land, in dem Bildung die große Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist.

Anfangen mit dem Versuch, China ein bisschen zu verstehen, kann man am besten bei den Studenten. Erste Kontakte zu knüpfen fällt leicht. »Die Leute sind wahnsinnig offen und neugierig auf dich«, berichtet Julian Michel. Echte deutsch-chinesische Freundschaften zu schließen ist dagegen nicht so einfach, stellte Julian nach einer Weile fest – und so wie ihm geht es auch anderen. Es fängt mit simplen Dingen an. »Lass uns mal was trinken gehen«, dieser klassische deutsche Auftakt ist in China unüblich. Chinesische Studenten gehen auch nicht in Clubs, denn die sind zu teuer. Und außerdem: »Es gehört sich für Chinesinnen immer noch nicht, tanzen zu gehen, mit wildfremden Leuten in Bars zu stehen, zu rauchen oder Alkohol zu trinken«, sagt die Pekinger Studentin Zang Yichao. Fast alle Studenten in China leben in Wohnheimen, zu viert oder zu sechst in einem kargen Zimmer, Partys gibt es dort nicht. Man trifft sich eher zum Karaoke in kleiner Runde. Die allermeisten Deutschen wiederum besuchen an der Uni nur die Sprachkurse. Und dort treffen sie keine chinesischen Kommilitonen, sondern Franzosen, Engländer und Amerikaner.

Trotzdem ist es möglich, nähere Einblicke zu gewinnen. Eine chinesische Kommilitonin nahm Julian Michel mit zu einem Rekrutierungstreffen der Kommunistischen Partei, zu dem sich zwei Dutzend Studenten in einem Unterrichtsraum an der Uni versammelten. »Vorn dozierte eine ältere Frau aus der Partei, kein Mensch hat zugehört. Die meisten haben unterm Tisch SMS getippt, leise gequatscht oder geschlafen«, erzählt er.

Marxismus-Leninismus und die Theorien Mao Tse-tungs sind auch heute noch an den Universitäten für mindestens ein Semester Pflicht. Eine Studentin allerdings, die davon erzählt, spielt dabei einen Schlafanfall vor: »Es ist so fürchterlich und langweilig.« Sie geht trotzdem hin, natürlich. Jeder, der länger in China war, ist beeindruckt davon, wie pragmatisch Chinesen Probleme lösen. Aber dieser Pragmatismus äußert sich eben auch in einer Haltung, über die eine junge Chinesin aus Südchina berichtet: »Freunde von mir finden die Regierung furchtbar und arbeiten trotzdem für sie. Beamtenjobs sind gut bezahlt und sicher.«

Außerdem ist die Kommunistische Partei ein wichtiges Karriereschmiermittel. Jener totalitäre Machtapparat, der das riesige Reich zusammenhält, dessen Vertreter in jeder Universität und in praktisch jedem großen Unternehmen sitzen. Die Partei, die Oppositionelle einsperrt, verantwortlich war für das Massaker rund um den Platz des Himmlischen Friedens, die ein Land regiert, in dem jedes Jahr 4000 Todes-urteile vollstreckt werden. Sie ist nicht nur totalitär, sondern auch elitär – nur die besten Studenten dürfen Mitglied werden. Wenn sie gefragt werden, tun sie es, denn es hilft bei der Jobsuche. »Ich mache mir keine Gedanken über Menschenrechte, ich mache mir Gedanken darüber, ob ich einen Job finde«, sagt zum Beispiel eine Studentin aus Peking.

Weil er schon ein bisschen Chinesisch spricht, kann Julian Michel besser ins Land eintauchen als andere. Doch nicht jeder, der sich für China interessiert, muss die Sprache lernen. Viele der Ausländer, die heute dort arbeiten, beherrschen sie kaum oder gar nicht, bei wichtigen Verhandlungen hilft der Übersetzer. Auch die immer beliebtere Vorstellung, Chinesisch sei das neue »Must have« im perfekten Lebenslauf, geht an der Realität vorbei. Es braucht viel mehr als zehn Monate intensives Training, bis Ausländer auf Chinesisch überhaupt eine einfache E-Mail verfassen können, während viele Chinesen die Schule mit zumindest soliden Englischkenntnissen verlassen. »Außerdem darf man nicht vergessen, dass in Indien eine fast ebenso große Volkswirtschaft heranwächst, und dort sprechen alle Englisch«, gibt Stefanie Eschenlohr vom Deutschen Akademischen Austauschdienst zu bedenken.

Sollte man sich trotzdem ein paar Chinesischgrundlagen aneignen und ein Jahr in China verbringen? Wenn man eine aufregende Zeit erleben will, ist das eine sehr gute Idee. »Der Trubel, die Neugier der Leute, das Essen, die rasanten Veränderungen – es ist viel, viel spannender als ein Partysemester in Madrid«, sagt Jörn Huenteler.

Birte Winkel packt ihre Koffer, sie fliegt bald zurück. Julian Michel sucht noch einen Praktikumsplatz, um nicht so schnell zurückzumüssen. Christoph Huett überlegt, wohin in China er im Oktober reisen wird, wenn seine Zeit auf den Reisfeldern vorbei ist.

Und Jörn Huenteler, der Maschinenbauer? Überlegt noch. Er interessiert sich schon seit langem für Umwelttechnik, und wenn er in diesem einen Jahr in China etwas verstanden hat, dann das: »Hier sind die größten Hebel, wenn es um Umweltverschmutzung geht. Wenn sich China weiterentwickelt, dann ist das wichtig für uns alle.« Vielleicht wird er es so halten wie sein älterer Bruder. Der hat in China studiert, das ist jetzt drei Jahre her. Er ist dann gleich dageblieben.


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